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Veröffentlicht am 13.04.2021 von Lothar Arnemann

Künstliche Intelligenz im Recruiting

Was kann KI im Recruiting leisten und was nicht? Das sind zwei wichtige Fragen. Und auch wenn die vielleicht vor kurzem schon beantwortet wurden, ist es heute sinnvoll, sie heute erneut zu stellen, denn die Techniken entwickeln sich rasant. Damit verbunden ist auch die Angst vor Entmenschlichung. Gar nicht mal unlogisch. Daher stellt sich zusätzlich die Frage, ob KI auch wirklich soll, was sie kann. 

KI hat keine Vorurteile, oder? 

Bei der ersten Vorauswahl aus einer großen Menge von Bewerbungen kann KI helfen. Ein Bewerber mag sich wünschen, dass seine Bewerbung von einem kompetenten Entscheider aufmerksam gelesen wird, aber dies ist leider unrealistisch. In der Praxis können Personalabteilungen nicht alle Informationen verwerten. Bei einer durchschnittlichen Betrachtungszeit von 31 Sekunden können Entscheider gar nicht anders, als nachrangige und oberflächliche Kriterien heranzuziehen. Einem Menschen fällt es schwer, sich dabei von Vorurteilen freizumachen. Es kommt vor, dass Bewerbungen, die auf den ersten Blick nicht ansprechend gestaltet sind, gar nicht gelesen werden, obwohl ein Talent für solche Gestaltung im betreffenden Job nicht relevant ist. Hier ist eine emotionslose und leistungsstarke Datenauswertung dem Menschen überlegen. KI interessiert sich nicht für Geschlecht, Herkunft, oder Aussehen einer Person. Zumindest nehmen wir das an. Dabei ist noch zu klären, ob nicht KI auch unerwünschte Muster einer Gesellschaft reproduziert, deren Daten sie analysiert. Dazu könnten auch all die Stereotype gehören, gegen die wir seit Jahrzehnten kämpfen. Vor allem aber sind 31 Sekunden für eine Bewerbung reichlich Zeit, wenn man eine künstliche Intelligenz ist. Dieser Faktor wiegt besonders schwer bei der gigantischen Menge von Profilen in sozialen Netzwerken. 

Zeit ist Wertschätzung

Bei der Auswahl von Praktikanten setzt z.B. L’Oreal bereits das selbst entwickelte KI-System Seedlink ein. Per Sprachanaylse werden Erkenntnisse über Faktoren wie etwa Lernfähigkeit erzielt, die besser sind als die aus Assessment Centern oder kognitiven Tests. Zudem hat jeder die Chance, an diesem objektiven Auswahlprozess teilzunehmen und zeitnah eine Antwort zu erhalten. Im nächsten Schritt setzt aber auch L’Oreal auf Menschen. 

 Intrinsische Motivation, persönliche Erfahrung und wie sie erzählt werden, selbstbewusstes Auftreten – all dies kann eine KI nicht erfassen. Es ist nicht messbar. Noch nicht. Und selbst wenn: Welche Botschaft sendet das Unternehmen dem Bewerber, wenn es einen Roboter zur Begrüßung schickt? Selbst wenn der den perfekten Kandidaten sofort findet, wird er ihn kaum davon überzeugen zu unterschreiben. IT-Nerds und Ingenieure könnte man so vielleicht begeistern, aber auch die werden sich früher oder später menschliche Aufmerksamkeit wünschen. Die Zeit der Personaler ist eine knappe Ressource, sie zu verschenken ein Zeichen der Wertschätzung. Und spätestens wenn wir wieder Hände schütteln können, hat der Mensch der KI noch etwas voraus. Obwohl: Werden wir das? Aber das ist ein anderes Thema.