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Veröffentlicht am 05.07.2021 von Lothar Arnemann

Ärzte oder Mangel.

Deutschland altert schneller als unsere Ärzte von morgen studieren können. Trotz steigender Zahlen der berufstätigen Mediziner und Facharztanerkennungen, ist fraglich, ob sich das aktuelle Niveau unseres Gesundheitssystems aufrechterhalten lässt.  „Derzeit prognostiziert das Statistische Bundesamt bis zum Jahr 2040 eine Steigerung des Bevölkerungsanteils der über 67-jährigen um bis zu 42 Prozent.“ (Quelle) Linear gerechnet also über 2% mehr potenzielle Patienten pro Jahr gegenüber 1,7% mehr Ärzten nach Ärztestatistik 2020. Besonders pikant ist das Problem der Überalterung, weil es auch die Ärzteschaft betrifft. Auch wenn alle Zahlen, die seit Corona erhoben wurden, sorgfältig zu prüfen sind, ist dies ein deutliches und unschönes Bild. Schon 2019 forderte deshalb Professor Montgomery, als Präsident der Bundesärztekammer: mehr Studienplätze! Da es mehr Bewerber als Studienplätze gibt, scheint dies eine logische Lösung zu sein. 

Schlechte Verteilung ist stellenweiser Mangel

Ob es wirklich einen Ärztemangel gibt und wie gravierend er ist, hängt allerdings davon ab, wen man fragt. Je nach Fachbereich, Arbeitgeber oder Region zeigen die Statistiken Unterschiede. Zum Beispiel heuerten mehr Ärzte in Krankenhäusern an, als den Betrieb einer eigenen Praxis aufzunehmen. Das ist bemerkenswert, da die Arbeitswoche im Krankenhaus auf 80 Stunden kommen kann, während niedergelassene Ärzte sich im Schnitt nur 50 zumuten. Gemeinsam ist beiden Fraktionen, dass sie lieber in der Stadt als auf dem Land arbeiten, was in ländlichen Regionen besonders signifikante Probleme verursacht. Deutliche Zuwächse konnten die Gesundheitsämter verzeichnen, wo 2020 14% mehr Ärzte arbeiten wollten als noch in 2019. Nach Fachbereichen betrachtet, besteht der höchste Bedarf an Hygiene- und Umweltmedizinern. Wenig überraschend: Auch die Geriatrie braucht dringend Unterstützung. Kardiologen und plastische Chirurgen sind hingegen in doppelter Menge vorhanden. Genug sind es deshalb nicht unbedingt. 

Weiter-so verliert

Das bedeutet für Abiturienten, dass ein Medizinstudium eine gute Idee ist, sofern Belastbarkeit, Zeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen, gegeben sind. Arbeitgeber sollten sich bewusst sein, dass die Ressource Arzt nicht nur knapp ist, sondern auch anspruchsvoll. Wie in vielen anderen Branchen erwarten junge Mediziner flexible Arbeitszeitmodelle, die ein Leben neben dem Beruf erlauben – gern mit der Familie. Im Kampf um die besten Köpfe müssen Kliniken neue Wege gehen. Längst ist klar, dass Festhalten an gewohnten Routinen riskanter ist, als Innovation. Jede Innovation kann scheitern, aber weiter-so wird es mit Sicherheit. 

Willkommen im Arbeitnehmermarkt

Gute Nachricht: Der Arztberuf scheint weiterhin attraktiv zu sein. Leider ist ein Studienplatz für Medizin teuer. Deutlich teurer z.B. als in der juristischen Fakultät. Da aber auch Ärztemangel Kosten verursacht, dürfen wir hoffen, dass Kosten als Argument nicht haltbar sein werden und die Hochschulen mehr für das Gesundheitswesen leisten dürfen.

So oder so müssen die Arbeitgeber attraktive Stellen schaffen. Moderne Führungskultur, Fortbildungen, smarte Arbeitszeiten und digitale Workflows sind geeignet die Mediziner zu gewinnen, die demnächst die Unis verlassen. Krankenhäuser stehen im Wettbewerb mit Selbstständigkeit, Ämtern oder branchenfremden Arbeitgebern – im In- und Ausland.