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Veröffentlicht am 25.06.2021 von Lothar Arnemann

Lieber Windschatten als erste Reihe?

Im Laufe der vergangenen 10 Jahre beobachten wir, dass es immer weniger Bewerbungen für  Chefarztpositionen gibt. Was hat sich verändert? Die Branche? Die Bewerber? Der Job?  Während des Studiums halten noch 46,5 % der Medizinstudenten die Chefarztposition für erstrebenswert. Das ändert sich offenbar mit den ersten Erfahrungen im Job. Im praktischen Jahr sind es dann nur noch 25,8 %. (Quelle) Obwohl es immer mehr Oberärzte und immer weniger ausgeschriebene Chefarztstellen gibt, passiert nicht, was man nach einfacher Marktlogik erwarten sollte. Es gibt keinen Run auf Chefarztposten. 

 Warum nicht Chefarzt? Darum:

• In einem unserer zuletzt veröffentlichten Beiträge hatten wir bereits geschildert, wie hoch und divers die Anforderungen an den Chefarzt sind. Neben medizinischer Exzellenz ist auch wirtschaftliches Wissen gefragt. Der perfekte Chefarzt ist auch Controller und möglichst noch Bürokrat, Politiker und Repräsentant.

• Umfang der Aufgaben und Verantwortung steht in keinem angemessenen Verhältnis zu den Gestaltungsmöglichkeiten der Position. Das Frustpotential dieser Konstellation ist enorm und die Rolle des Sündenbocks liegt nahe. 

• Zudem stagnieren die Chefarztgehälter, während die Bezüge der Oberärzte steigen. Geld scheidet damit als Motivator aus. 

Wer weiterhin einfach als Arzt arbeiten möchte, tut dies lieber als Oberarzt und wer fachfremde Aufgaben nicht scheut, macht lieber sein Ding und gründet eine eigene Praxis. 

Wozu noch Chefärzte? 

Was bedeutet es für das Betriebsklima und die Leistungen in der zweiten Reihe, wenn die oberste Position in der Klinik unattraktiv ist? Und Was muss geschehen, damit sich dies ändert? Oder brauchen wir gar keine Chefärzte mehr? 

Die erste Frage ist schwer zu beantworten. Vielleicht ist es gut, weil Mediziner sich auf die Medizin konzentrieren und nicht auf Konkurrenzkämpfe. Vielleicht ist es aber auch schlecht, weil eine wichtige Motivation wegfällt, Top-Leistungen abzuliefern. Vor allem aber büßt eine Position, die keiner will, allein per Systemlogik an Prestige und auch an Autorität ein. Das verschlechtert die Situation für den Chefarzt zusätzlich. Unter diesen Umständen sollte man über eine Struktur nachdenken, die ohne Chefarzt auskommt. Darin liegt eine Chance.

Es geht auch anders

Die Evangelische Elisabeth Klinik in Berli geht den Weg des Jobsharings. Zwei Chefärztinnen leiten gemeinsam die Innere Medizin. So wird die individuelle Belastung reduziert. Was aber bleibt ist die suboptimale Ressourcenallokation. 

In einer erfolgreichen Organisation tut jeder das, was er am besten kann und Menschen können am besten, was sie gern tun. Nur studiert niemand Medizin, weil er so gern Bilanzen liest oder auf Rathausempfängen Sekt trinkt. Genauso wenig wie der kaufmännische Geschäftsführer operiert, sollte ein Arzt widerwillig über Budgets grübeln, während Patienten auf ihn warten. Die werden sicherlich zustimmen. 

 Fazit: Chefärzte müssen Ärzte sein dürfen. Dann ist der Posten wieder attraktiv und ganz nebenbei steigt das medizinische Niveau der Klinik.