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Veröffentlicht am 18.05.2021 von Lothar Arnemann

Wie erkennt man den idealen Chefarzt?

Was ist ein Menschenleben wert? Diese ethische Urfrage bringt ein komplexes Spannungsfeld extrem zugespitzt auf den Punkt: das zwischen Geld und Gesundheit. Darin bewegen sich die Akteure des Gesundheitswesens täglich mehr oder weniger. Wo des Menschen höchstes Gut bei knappen Ressourcen zu bewahren ist, ergeben sich besondere Anforderungen an Führungskräfte.

Diese zu definieren ist die erste Voraussetzung, um exzellente Kandidaten für Top-Jobs zu finden. Das möchten wir heute versuchen – am Beispiel des Chefarztes. 

Eierlegende Wollmilchsau in Weiß.

Schon bei der Definition eines idealen Kandidaten erweist sich die Vielschichtigkeit der Position als problematisch. Je nach Fachbereich und speziellen Begebenheiten im Umfeld stehen unterschiedliche Eigenschaften im Vordergrund. Als wäre es nicht anspruchsvoll genug, Patientenwohl und Wirtschaftlichkeit zu vereinen, sind auch noch emotionale Befindlichkeiten Angehöriger und des Personals, organisatorische Aufgaben, juristische Fragen und politische Rahmenbedingungen zu beachten. Es gilt Themen zu priorisieren, Interessen abzuwägen, Konflikte zu lösen, Systeme zu harmonisieren. All dies mit einem Lächeln, denn der Chefarzt ist auch ein Repräsentant – seines Fachbereichs, des Klinikums und seiner Profession. Soziale Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit und Empathie sind hier maßgeblich. Und wenn Konflikte nicht gelöst werden können, brauchen Entscheider Resilienz. Chefärzte können es nicht allen recht machen und das müssen sie aushalten. 

Hochspezialisierte Allrounder gesucht.

Höchste fachliche Qualifikation ist schon ein selbstverständlicher Punkt im Anforderungsprofil. Mit zunehmender Exzellenz in einem Gebiet ergeben sich immer ausgeprägtere Spezialisierungen. Es ist gut ein Handchirurg zu sein. Besser aber: einer für das Fingermittelgelenk des Ringfingers der linken Hand. (Ja, hier übertreiben wir, aber ganz sicher waren Sie sich da gerade nicht, oder?) Wegweisende Innovationen zum Spezialthema sind bisweilen durchaus gefragt, inklusive entsprechender Publikationen in internationalen Fachjournalen. Es zeichnet sich also ein zweites Spannungsfeld ab, zwischen extrem spezialisiertem Wissen und Können einerseits und universellen Anforderungen andererseits. Interdisziplinäre Komplexe eines Krankenhauses bilden dies institutionell ab. Auch hier sind in hohem Maße soziale und kommunikative Kompetenzen gefragt. 

Die dunkle Seite der Macht.

Ein drittes Spannungsfeld besteht zwischen Empathie/Patient und Kalkül/Karriere. Die Eigenschaften, die an das oberste Ende der Karriereleiter führen, sind zum Teil ganz andere als die eines Arztes, den wir uns als Patient wünschen. Zahlreiche psychologische Studien zeigen 3 persönliche Eigenschaften, die signifikant mit erfolgreichen Karrieren korrelieren. Narzissmus, Machiavellismus und subklinische Psychopathie sind bei Führungskräften im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung überproportional häufig vertreten. Betrachten wir diese dunkle Triade der Persönlichkeit genauer:

·       Narzissmus umfasst Eitelkeit, Autoritätsanspruch, Überheblichkeit, Selbstgefälligkeit und ein allgemeines Überlegenheitsgefühl 

·       Machiavellismus steht für Glaube an die Wirksamkeit manipulativer Taktiken, zynische Sicht auf den Menschen und konsequente Orientierung an Nutzenmaximierung als oberstem Prinzip

·       Subklinische Psychopathie bedeutet skrupellosen Egozentrismus, soziale Potenz, Furchtlosigkeit, Kaltherzigkeit, impulsive Nonkonformität, Externalisierung von Schuld, sorgenfreie Planlosigkeit und Stressresistenz

Möchten Sie diesem Menschen Ihr Leben anvertrauen? 

Nein, das klingt wohl nicht nach einem Menschen, dem man sich mit seinem Leben anvertrauen möchte, oder? Da hat man es doch lieber mit einem freundlichen Pflegeroboter zu tun. Einen geborenen Hedgefonds-Manager würden vermutlich viele so beschreiben, aber im Gesundheitswesen kennzeichnen diese Merkmale das Gegenteil eines allgemeinen Ideals. 

Wie schafft man es also, einen Kandidaten zu identifizieren, der wegen Empathie, sozialer Kompetenz  und Kommunikationsfähigkeiten bis an die Schwelle zum letzten Karrierelevel gekommen ist? Das Beste ist natürlich, den Kandidaten zu kennen, ihn in der Ausübung seines Berufs erlebt zu haben, mit Menschen zu sprechen, die ihn dabei umgeben. 

Was kennzeichnet den Umgang des Kandidaten mit anderen?


Der transformationale Stil steht zunehmend im Fokus der Führungspsychologie und bietet gerade für das Gesundheitswesen viele Vorteile. Er beschreibt vier wichtige Kernelemente der Führung, die sogenannten vier i:

Idealisierter Einfluss
Führungskräfte müssen als Vorbilder fungieren. Gerade im Gesundheitsbereich herrschen hohe Qualitätsstandards, die Chefärzte vorleben sollten. Dies bewirkt Glaubwürdigkeit und Kooperationsbereitschaft im Umfeld der Führungskraft. Dies wiederum eröffnet Gestaltungsspielräume. 

Inspirierende Motivation
Mit positiven Visionen soll die Führungskraft Mitarbeiter motivieren und begeistern. Die Zuversicht den Anforderungen zu genügen, sie gar zu übertreffen, kann sich als selbsterfüllende Prophezeihung erweisen. 

Intellektuelle Anregung
Abläufe hinterfragen und neue Lösungen ausprobieren – diese wissenschaftlichen Tugenden kombiniert mit eigenständigem Denken und praktischer Initiative gilt es zu fördern. So kann der Chefarzt als Entscheider entlastet werden. 

Individuelle Förderung
Führungskräfte haben das Selbstverständnis eines Coaches, erkennen unterschiedliche Bedürfnisse und gehen darauf empathisch ein. (Auch Psychopathen erkennen Bedürfnisse, nutzen sie aber egoistisch aus.)

„Transformationale Führung wirkt sich positiv auf Gesundheit, Zufriedenheit und Leistung der Mitarbeiter aus, fördert die Kreativität der Gruppe und steigert den Erfolg des Unternehmens. (…) Gerade angesichts des Fachkräftemangels wirkt transformationale Führung als Magnetkraft und macht das Krankenhaus attraktiv für Mitarbeitende und Führungskräfte aller Berufsgruppen.“ [1]

 Happy End: das Gute gewinnt.


Um diese entsprechenden Eigenschaften im Interview herauszuarbeiten, gibt es patentierte Fragebögen. Multifactor Leadership Questionaires MLQ sind leider teuer. Allerdings rechtfertigt die Bedeutung der Chefarztposition hohe Ausgaben. Wer dieses Geld aber sparen möchte braucht wiederum den Blick hinter die Kulissen, braucht persönliche Kontakte.  

Wir denken, dass für die Anforderungen an einen Chefarzt in unserer heutigen Zeit, neben den fachlichen und außerfachlichen Kompetenzen, zwei Dinge für den Erfolg entscheidend sind: Niedrige Ausprägung der dunklen Triade und hohe Ausprägung transformationaler Führungselemente.

 

 


[1] https://www.springer.com/gp/about-springer/media/press-releases/pflege/-moderne-fuehrung-im-krankenhaus/15137078